Pilgerschaft zu sich selbst - Gallipoli und nordwestwärts - Tag 25
- tzeitler

- 6. Sept. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Sept. 2022
Nach den gestrigen schlechten Navigationserlebnissen habe ich mir heute ein Navigationsdetox verordnet.
Wer steuert uns? Ich habe mich selber geärgert, den unsinnigen Anweisungen einer unfähigen Navigation gefolgt zu sein.
Eigentlich wollen wir uns selber steuern, geben doch die Steuerung immer wieder aus Bequemlichkeit ab. Ich selbst war ja vor 20 Jahren lange genug in der Entwicklung von Navigationsgeräten unterwegs: Kartenmaterial + Algorithmus.
Also heute gilt die Devise: immer der Nase nach. Ich hab in den letzten Blogs immer wieder das Thema Pilgerschaft gestreift.
Sie sucht Erlösung oder Erleuchtung-
zu etwas hin, das wir wollen. Ich war lange Oberministrant und bin jetzt Organist- das Predigen haben immer die Pfarrer übernommen; heut will ich es mal ausprobieren.
Wo pilgern die Leute heute hin? In Fussballstadien, Einkaufszentren, Weltreisen mit Flughäfen, Bahnhöfen usw; jeder hat so seine wertvollen Sachen, denen er sich widmet.
Seien es Finanzmetropolen fürs Geld, Universitäten fürs Wissen und die Technikgläubigen ins Silicon Valley.
Die Wallfahrt war schon immer ein Wirtschaftsfaktor. Die moderne Wallfahrt zu den neuen Göttern ist es auch noch. Sie erinnert mich immer wieder an die Szene des "Leben des Brian", wo alle im Chor rufen:" Wir sind alle Individuen."
Also ist das Leben als Pilgerschaft zum Werden und Vergehen zu sehen.
Jetzt zum Praktischen heute, das diese Gedanken hervorgerufen hat:
In der Früh hatte ich das Gefühl, ich müsse mal einen Gang langsamer schalten und gönnte mir nach dem Frühstück auf der Dachterrasse des Hotels,

das Gepäck im Hotel lassend, noch ein Bad in der berühmten Baia Verde.

Danach schloss eine Fahrt durch den Ort an, viele Kirchen, sogar Orgeln, was auch meine Passion ist.
Mit Rückenwind rollere ich ab Mittag vor mich hin; Rennradler bezeichnen das als GA1( Grundlagen und Ausdauer erste Stufe) mit der richtigen Frequenz für gute Gedanken. Die Küstenstraße nordwestwärts.
Auf der Weiterfahrt gegen eins hielt ich bei einem markanten Punkt Torre dell'Uzzu.
Dort gibt es eine Kneipe, in der Stefano als Barkeeper arbeitet.

Er hat zwei Jobs, um sich das Leben zusammen mit seiner Frau(Postbotin) und auch für den 2-jährigen Sohn zu leisten; er ist hauptamtlicher Schweisser - im Nebenjob arbeitet er in dieser Bar. Aus seiner Sicht nehmen die Lebenshaltungkosten überhand.
Heute ist er nur hier, da nachmittags die Beerdigung seiner Tante stattfindet. Er sieht die Ungleichheit zwischen Rentnern , - sie bekommen mit 500 € weitaus weniger als der italienische Hartz4ler mit 800 €..
Früher vor 10 Jahren war es hier noch nicht so überlaufen. Ich habe ihn aufgehalten, anderen Gästen Drinks zu machen trotz der ruhigeren Nachsaison und begebe mich zum Fotografieren um den historischen Sarazenenturm.
Als ich wiederkomme, bestelle ich ein Bier und komme so allmählich mit allen, die in der Bar arbeiten ins Reden - alle im Alter meiner Kinder oder bischen drüber: über die deutsche und italienische Geschichte; alle waren sie schon in Berlin gewesen und haben ihre Eindrücken gesammelt oder haben Eltern/Großeltern, die in Deutschland gearbeitet haben. Wir kommen auch auf den eisernen Vorhang zu sprechen, die politische Lage in Italien und die rechten Verführer, die wieder am Werk sind, wie vor 100 Jahren.
Ragazzi italiani, non votare la destra !!!! Sono gli stessi seduttori comme 100 anni fa.
Sie laden mich ein, Pasta mit Salsa Amatrice
zu essen, die der Koch ( cuoco) von ihnen mit Schweinebackenfleisch ( so im Orginalrezept), den ich fälschlicherweise als Cucchiaio (wörtl. Löffel) bezeichne, was zu Lachern führt.

Nach gut eineinhalb Stunden muss ich mich von den Jungs verabschieden, um weiterzuradeln. Sie haben die Zukunft in der Hand! Ich hoffe, sie nutzen sie.
Auf der Küstenstraße quäle ich mich weiter eineinhalb Stunden so dahin, bevor mich ein seltsamer Dreier aus Rennrädern überholt: Der Leitwolf vorneweg, der nicht spricht - ein Frauen-Hinterherpfeifer und ein älterer Herr auf dem Fahrrad, der nicht hinterherkommt - alle 60 +/-.
Irgendwie bin ich in ihr Formationsfahren eingegliedert, der Frauen-Hinterherpfeifer steckt mir seine Banane zu als ich ihm von Zuckermangel erzähle - jedoch ist es eine Truppe, wo jeder mit sich selbst beschäftigt ist, ohne ein größeres Ziel zu erreichen oder zumindest gemeinsam Spass zu haben; da waren die Jungs in der Kneipe am Torre oder gestern meine Pilgerspezln Mauricio und Giovanni anders; (Mauricio hat mich sogar heut abend angerufen, um sich zu erkundigen wie es mir geht usw..)
Zumindest hänge ich irgendwie ( geduldet) 20 km im Windschatten und komm weiter- mindestens 5 km schneller als allein. Bei der Ankunft in Pulsano 15 km vor meinem Ziel zerstäuben sie sich wieder, so wie sie gekommen waren.
Ich begebe mich in die nächste Bar für das Coca-Doping für die nächsten 15 km.
Schließlich komme ich heute vor Sonnenuntergang in der Unkunft an und muss diesen in der nahen Bar gleich bewundern- die offenen Restaurants sind zu weit weg - also Flüssignahrung.
Da die Barkeeperin den von Ivo vorgeschlagenen Negroni als Geheimtipp-Getränk kennt, ist der auch als einer bei der Flüssignahrung dabei. Scharfes Zeugs! Nur einen nehmen!
Bei nur etwa 100 km am Tag kann man schon etwas fasten!
Da ich heute mein Schloss irgendwie verloren habe und die Ferienwohnung ebenerdig ist, darf heute mein Fahrrad bei mir schlafen 😴, also bin ich heute Nacht nicht allein 😉.
Fazit des heutigen Tages.
101 km + 14 km Stadtrundfahrt, 348 hm trotz ebener (!) Küstenstraße
Hundertkilometer-Limit wieder mal überschritten, obwohl ich mir vorgenommen hatte, heute mal langsamer zu tun.
Es kommt darauf an, dass Menschen zusammenhalten, damit was raus kommt.
Pilgern zu sich selbst ist eine Reise wert.





































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