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Montefiascone - Siena - Tag 43

  • Autorenbild: tzeitler
    tzeitler
  • 25. Sept. 2022
  • 5 Min. Lesezeit

Nachdem Frühstück hat mich der siebenjährige Enkel der Vermieterin mit dem Fahrrad zur Hauptstraße begleitet, nachdem ich ihn gestern angespitzt hatte, ob er mit mir nach Siena fahren wolle. Er wollte schon mal probieren, wie es sich mit mir fährt, so daß er dann trainieren kann, bis ich das nächste Mal komme. Das nächste Giro-Talent?


Im Ort Montefiascone gibt es eine berühmte Kirche, die natürlich besichtigt werden wollte: der Dom Santa Magherita.

Den Pfarrer treffe ich hinterher auf der Straße auf dem Sprung. Ja, die Orgel ist bespielbar, zu technischen Details wie Register kennt er sich nicht aus. Da besteht Nachholbedarf in der Priesterausbildung. Gejuckt hätte es meine Fingerchen schon, doch der Pfarrer schien keine Zeit zu haben und meine Fingerchen sind weiter degradiert durch den Klammergriff um den Lenker. Es wäre eh nichts Gscheits dabei rausbekommen.


Oben im Ort ist der Rocca dei Papi, Urban IV. und Clemens IV. hatten es ausbauen lassen mit einen traumhaften Rundumblick.

Der Herr im Kassenhäuschen erklärt mir auf meinen Wunsch der Turmbesteigung um 9 Uhr, er öffne erst um 10 - wahrscheinlich grantig, in seiner Morgenmeditation gestört worden zu sein, oder ließ er den Regelitaliener raushängen?


Rocca dei Papi liegt am Pilgerweg Francigenia, der mich heute noch den ganzen Tag begleiten soll. Dementsprechend hoch ist dann auch die Frequenz von wandernden und radelnden Pilgern.


Im Ort wieder unten stoße ich auf ein italienschsprachiges Schweizer Pärchen auf dem Weg nach Rom, nicht old school, sondern mit e-Antrieb und Ersatzakku. Wir tauschen uns aus über bisher Gesehenes.


Eine Abfahrt für mich etwa 10 km abwärts nach Bolsena in die Nähe des Sees. In Wikipedia erklärt man mir das Wunder von Bolsena im Mittelalter. Ich kann es heute nicht brauchen, da am Nachmittag Regen angesagt ist und ich weiter will.

Nach dem See kommt wie erwartet ein 200 metriger Anstieg bis nach San Lorenzo Nuovo.


Dort wähne ich mich in der Vorhalle des Radlerparadieses angekommen.

  1. Am Straßenrand steht ein Porchettawagen, 2.50 € die Semmel.( zum Vergleich: Rom 6 €)

  2. Das daneben gelegene Café hat außen einen Radlreparaturständer aufgestellt. Mit augepumpten Reifen wieder auf 6 bar springt das Rad hinterher wie ein junges Böckchen. Noch etwas Öl auf die Kette - das Rad ist wieder in einem Topzustand.

  3. Ich gehe ins Café und bestelle mir Capuccio mit Cannello, eine sizilianische Teigrolle gefüllt mit Riccotta und candierten Früchten, außen bestreut mit Pistazien.

Da kann es weiter gehen nach Acqua pendente - ich ahne nichts gutes mit der Übersetzung "fallendes Wasser ", doch meine Befürchtungen sind umsonst; es geht schön bergab.

Apropos Pilgerweg: ich treffe auf eine vortrefflich ausgestattete Bikestation in einer Garageneinfahrt. Sowas habe ich südlich von Rom am selben Pilgerweg (bis nach Santa Maria di Leuca) nie gesehen. Man merkt halt: Toskana, anderes Mindset.

Dann kommt ein längerer Anstieg um den Monte Amiata, um 13 Uhr treffen die ersten Regentropfen ein. Ich werfe mich in Regenkluft, muss aber feststellen, dass der Berg den Regen zurückhält. Also Regenklamotten wieder runter.

Am höchsten Punkt angekommen und durch den einkilometrigen Tunnel setzt dann der Regen ein.


Heute Morgen hatte man mir vorgeschlagen, das 15 Kilometer entfernen Weltkulturerbedorf Civita di Bagnoregio zu besuchen, zum Glück nicht eingebaut. Auch Wegweiser nach Pitigliano ( meiner Meinung nach eines der schönsten toskanischen Dörfer) locken zu einem Umweg- abgelehnt!


Nach einigen Minuten wird der Regen so stark, dass nur noch die Flucht in den Vorstandes eines Backofens hilft.

Ich stehe dort ca 1.5 h; um vier beschließe ich, ich muss weiter um Siena vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen: noch 53 km.




Das war meine bisher nasseste Regenfahrt, die ich je erlebt habe. Es hat geschüttet in Strömen ( it is raining cats and dogs). Dank Freischwimmerabzeichen bin ich nicht ertrunken, auch weil meine Sitzposition auf dem Fahrrad schön hoch ist. Aber es gab Passagen, da waren die Füße im Wasser, und das auf einer Strada Statale! Die Ausweichmanöver der Navi auf Nebenstraßen ignorierte ich, da ich dort noch Schlimmeres befürchtete.


Ich mag 3 Dinge nicht bei Regenfahrten:

  1. Wenn die Füße nass werden, denn das führt zu Blasen an den Druckpunkten.

  2. Wenn der Hintern nass wird, denn dann scheuert die Haut auf und es wird für weitere Fahrtage unangenehm. Dafür sorgte die Regenkleidung.

  3. Wenn man auskühlt. Dies verhinderte normalerweise auch die Regenkleidung. Mit meiner bisherigen Isolierschicht um Bauch und Hüfte war dies kein Problem. Aber aufgrund der abschmelzenden Fettschicht musste das berühmte rote Jopperl darunter angelegt werden, das ich mitführe wie Leines seine Schmusedecke. Dies gibt es bereits in der zweiten Auflage. Nachdem die Erste so unansehnlich wurde, haben meine Radlkumpls Ingo und Andi K. mir eine Neue zu einem Geburtstag vor einigen Jahren geschenkt. Die alte konnte dann schweren Herzens verschwinden.

Wie überlebt man dann so eine Wasserschluckfahrt? Man beschäftigt sich geistig mit etwas ganz anderem.


Die Methode im alten Rom: Brot und Spiele - panem et circenses fürs leidende Volk. Für Spiele in der heutigen Zeit fiel mir die Muppets Show ein - solche Sachen müssen auch an einem Regentag erfunden worden sein und somit mein Arbeitskollege Andreas.


Er hat den vorgetragen Blog kommentiert und meine Gewichtsabnahme bezweifelt.


Lieber der meine abschmelzende Leibesfülle bezweifelnder Kollege Andreas: fang schon mal zu Sparen an! Ich habe soeben ausführlich die Notwendigkeit des roten Jopperls beschrieben und da werde ich den vorgeschlagenen Hose-rutscht-Test mit Leichtigkeit bestehen (Circenses). Ich wünsche mir dann von dir ein Essen (Panem) im VIP-Berich der Siemens-Kantine ( hoffentlich gibt es den noch?) mit einem Viergängemenü mit Entenbrust zur Hauptspeise und Rotwein und zum Abschluss eine Kubanische Zigarre- so wie der selige Herr Werkmann sie dann zu reichen pflegte!


Ludi incipant - Mögen die Spiele beginnen!


An solchen Gedanken feilend erreichte ich dann triefend nass um 19:00 mein B&B genau zwischen Dom und Piazza del Campo gelegen, also im Mittelpunkt von Siena in einem Wohnturm. Die Vermieterin saß schon auf Kohlen, weil sie mit ihrem Mann Abendessen gehen wollte ( früh für Italien).


Nach einer heißen Dusche machte ich mich auf über die Straße zum Restaurant, da es immer noch aus Eimern schüttete, und lief mich schon mal warm im Vorgriff auf das erwunschene Edelmahl von Andreas - man weiß ja nie ob er beim Hose-rutscht-Test eine Hintertür findet:

Tatar mit Trüffel, Nudeln mit Entensoße und danach leicht gebratene Rinderscheibchen mit einer Flasche Montepulciano. Das Überleben so einer Regenfahrt musste gefeiert werden!


Noch am Rande zwei nette schöne Erinnerungspunkte, die mir heute begegnet sind

  • Das Bild eines jungen Mannes, der verstoben ist und immer gern am See saß.

  • Der Turm in Siena, den wir bei der Radtour 2002 bestiegen - ein Jahr später hat dann ein Mitfahrer seiner Frau genau dort den Heiratsantrag gemacht. Soll ich auch ein Schild anbringen?

Ach so, ganz vergessen, die Bilder von Siena - ein Teil des Blogs ist getippt im Unterstand der Dachterasse, auch das Turmbild ist von dort aufgenommen, doch auch hier wird mir der Regen zu heftig ...


Fazit des Tages:


129 km, 1253 hm


Auch wenn es noch so regnet, man kommt an und beim Essen wird alles gut.



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