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Immer weiter in den Süden - Tag 20

  • Autorenbild: tzeitler
    tzeitler
  • 1. Sept. 2022
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Okt. 2022

Bei der Suche nach Abendessen gestern so gegen dreiviertel neun hatte mich Google in ein Wohngebiet nicht allzu weit vom Hotel geführt. Was der Herr Google aber nicht berücksichtigt hatte, war, dass das Quartier, wie es schien - kollektiv in Urlaub gegangen war. 3 verschiedene angeblich gute Restaurants waren geschlossen. Was tun? Ich hörte Lärm auf einem Parkplatz. Mehrere Tische waren um einen Arrosticini-Wagen postiert, auf die herum verschiedene Leute des Quartiers saßen. Der schon ältere Innhaber hatte sich unters Volk gemischt. Ich ging auf den Wagen zu und hörte, wie die Gäste einen älteren etwas verdatterten Herrn ansprachen, dass doch Kundschaft komme und ihn zu mir zum Standlwagen schickten.

Er fragte mich verwundert, was ich den wolle in für mich relativ unverständlichen Italienisch. Die Erklärung, dass ich den ganzen Fahrad gefahren sei und Hunger habe, leuchtete ihm ein. Er zeigte mir seinen Käselaib, Schnitt ein Stück ab und ließ mich probieren, den ich für gut befand. "Ho il meglior formaggio" - er pries in als den besten an. Also legte er vier Scheiben Brot auf den Teller, goß reichlich Olivenöl darüber, legte darauf Käsestücke und schickte mich an den Tisch - ich solle mich schon mal hinsetzen und essen. Er lege dann mal die Arrostini auf, die bringe er dann an denn Tisch, wenn sie fertig seien. Auf den Einwand, ich sei auch durstig und würde gern etwas Rotwein haben, holte er einen Kanister aus dem Kühlschrank, stellte ihn auf den Tresen und schickte mich an den Tisch. Naja, zumindest mal Brot und Käse. Er wusselte weiter an verschiedenen Tischen herum. Nachdem er weiterhin vertieft in die Gästebetreung an verschiedenen Tischen involviert war, übernahm eine Frau meines Alters sein Business und stellte sich in den Wagen. Durstig aufgrund des fehlenden Getränks ging ich zum Wagen und fragte nach. Sie riet mir, ich solle einfach einen Becher nehmen und mir den Wein selber zapfen. Da sie gerade Tomaten Schnitt, bestellte ich bei ihr auch eine Portion und 10 weitere Arrostini, die sie mir dann auch zubereitete und brachte.

Arrosticini, die kleinen Lammspießchen sind laut Wikipedia eine der Spezialitäten der Abruzzen.


Nach gemütlichem Verzehr und Betrachtung des Lebens im Mikrokosmosmos um den Arrosticini-Stande machte ich mich als einer der letzten Gäste zum Zahlen auf, der Eigentümer rief die Frau wieder, die ihm vorher zu Hand gegangen war, er tue sich doch in seinem Alter doch immer schwerer mit dem Zusammenrechnen und sie solle das übernehmen. Sie rechnete dann - so war mein Eindrück - aus Rücksicht für den etwas dattrigen Standbesitzer- zu seinen Gunsten. Interessantes Konzept für die Rente! Vielleicht mach ich auch einen Stand auf in der Rente und lass dann die jüngeren Gäste mitarbeiten. Jedoch zweifle ich, dass das so in Deutschland funktionieren würde.


Da Pescara als Stadt nicht soviel hergibt an antiken Besichtigungen - es ist im zweiten Weltkrieg ziemlich zerbombt worden - machte ich mich am Morgen trotzdem auf.

Um mich zu motivieren trotz des Regens, der mein ins Fenster gehängte Trikot während des Frühstücks nass geregnet hatte, versuchte ich es mit der täglichen Morgenmusik: https://youtu.be/Yl9ej66Ijiw Abruzanti Boys -Giro.


Heute ist der 1. September und somit der Tag der Veränderungen: es beginnt der meteorologische Herbst und ich bin für den Monat offiziell Sabbatianer, d.h. ich habe vorher auf Geld verzichtet, damit ich jetzt welches bekomme, obwohl ich den Monat nicht arbeite. Sollte ich kein Geld verdienen, müsste ich mir die Reise anders finanzieren. Ah, da ist eine Idee:

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in Pescara Urlaub gemacht. Nach Kohl am Wolfgangssee schon die zweite Politikerurlaubsdestination. Merkelcapri liegt ja später auch noch auf der Route. So auch Kiesingers Bodensee und auch Adenauers Comer See. Vielleicht sponsert mich ja noch die Konrad-Adenauer-Stiftung als politische Bildungsreise - Gerhard Schröder und Pescara sollte ich dann wohl nicht erwähnen. Bei der Hanns-Seidel-Stiftung dürfte ich nicht mal Merkel wegen der Konflikte mit der CSU erwähnen. Naja, das könnte knapp werden, wenn nicht genug Kanzler zusammenkommen!



Der Geheimtipp von vorherigen Reisen bleibt aber immer noch eine kleine Außenbar in Bozen im Park, wo sich der jetzige Bundespräsident Steinmeier ablichten ließ und man ihn auf dem Weg zur Toilette bewundern kann.


Ich radelte also die Küste entlang; die kombinierten Strandpromenaden mit Fahrradwegen waren verlassen, so daß man sie gut zum Radeln hernehmen konnte.

Kurze Schauer überbrückte ich mit einem Espresso.


Ich traf heute drei Radlergespanne, die Strecken mit mir radelten:

  1. Ein Tandem von zwei Rentner aus Ravenna und Florenz, denen ich dann zu schnell war.

  2. Ein Pärchen aus Udine, das nach der Ostküste der Adria( Kroatien, Bosnien) noch für den letzten Tag nach der Fähre zurück einen Tagesausflug machten.

  3. Zwei Burschen aus Brescia, die die Stiefelumrundung auf 8 Jahre aufteilten zu je einer Woche und nun in Jahr 2 waren.


Alle freuten sich über den Adriaradweg, der auf der alten Bahnlinie errichtet war, jedoch fehlten immer wieder zwischendurch Teilstücke aufgrund von Geldmangel oder Naturschutzgebieten, was mich dann immer wieder auf die SS 16 zwang.


Ich hab noch nie einen so schönen Radweg in Italien gesehen !



Bis zur Mittagspause hatte ich dann mehr als 70 km, also mehr als die Hälfte gemacht und gönnte mir zufrieden eine Pizza Funghi e Tartuffo. Inklusive Getränk ein 10er!


Ich checkte noch das Regenradar, alles schien in Ordnung zu sein.


Als ich losradeln wollte, setzte starker Regen ein. Der Sohn des Pizzabäckers flüchtete sich mit seinem Rad zu mir in das vor dem Pizzageschäft aufgestellte Zelt.



Italienische Kinden müssen wegen der langen 12-wöchigen Ferien Aufgaben machen, was ihm sehr mißfiel.


Nach einer Wartezeit von 45 Minuten ebbte der Regen schließlich ab und ich dachte alles wird gut! Aber es kam anders.


Bei der Auffaht auf die SS 16 ging im Hinterreifen die Luft aus. Also bis zur nächsten Abfahrt, dann rein in die Büsche und das Loch flicken mit den schwarzen Wolken im Nacken.


Dann weiter, der Reifen schien nach dem Flicken nicht stabil die Luft zu halten.


Ich hielt nach ca 5 km bei einer Tankstelle in der Hoffnung, dort eine Standpumpe oder einen Kompressor vorzufinden, der die mühsamme Handpumpe ersetzen könnte.


Doch gefehlt. Ich realisierte, dass es das beste wäre, den neuen (!) Mantel von Ravenna zu ersetzen wegen des Einschnitts sowie den undichten Schlauch, zum Glück geschützt vor dem einsetzenden Regen.


Nachdem der Regen immer schlimmer wurde und mir die Zeit davon lief, das 49 km entfernte Ziel Lesina am Gargano zu erreichen, wo ich die Übernachtung schon gebucht hatte, entschloss ich mich, in voller Regenmontur weiterzutreten: Regenhose mit eingebauten Gamaschen, Regenjacke, darüber Warnweste und Vorder- und Rücklicht angeschaltet.


So mutierte ich von einer Tamina Kallert des italienischen Tourismusverbands zum Forest Gump der dem Weltuntergang geweihten SS 16. Das Fahrrad durchlief die

Stufen vom Seepferdchen über Freischwimmer, und Rettungsschwimmer in kürzester Zeit mit immer 1 - 5 cm Regen auf der Straße. So quälte ich mich 40 km auf dem Seitenstreifen der Hauptstraße Richtung Lesina.




Ich dachte, das schlimmste ist vorüber als ich nach Anweisung der Navi 8 km vor dem Ziel von der Hauptstraße abbiegen konnte.

Doch weit gefehlt. Ich wurde auf eine vor 20 Jahren nicht fertig gestellte Straße geführt, die als Müllkippe ge-/missbraucht wurde; im Geiste sah ich schon von der Mafia entsorgte Leichen am Straßenrand. So quälte ich mich die letzten Kilometer Richtung Lesina. Schließlich kam ich vor der Dunkelheit völlig durchnässt am Bed& Breakfast an.


Zum Glück war gleich unterhalb beim örtlichen Metzger mit Kneipe die Möglichkeit Abend zu essen, was ich nach einer kurzen Dusche auch machte: Rosto misto mit salicornia ( Meeresspargel) - ein Genuss! Und hinterher Semifreddo.





Fazit des Tages

135 km 400 hm, 2 Platten, 13(Primzahl) juckende Mückenstiche vom Speichennachziehen, 49 (Quadratzahl) Kilometer durch den Regen -

"Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben"- aus Tamina Kallert wird der durchnässte Forest Gump - und nach dem Abendessen wird alles gut!



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