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Garda - Salurn - Tag 51

  • Autorenbild: tzeitler
    tzeitler
  • 2. Okt. 2022
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Okt. 2022

Ich bin am Morgen einer der ersten beim Frühstück um halb acht. Mir fällt die unwahrscheinliche Vielfalt des Angebots auf, für mich unbekannt und ungewohnt nach meiner Cornetto-con-ciocolata-capuccio-Diät und ich schlage zu um den eingetretenen Substanzverfall zu kompensieren.

Nach und nach treffen mehrer Hotelgäste ein und der Speisesaal ist fest in deutscher Hand. Damit ziehen auch sämtliche Sitten ein, die ich die letzten Wochen nicht mehr wahrgenommen habe. Der Kaffee aus dem Automaten, der sich Capuccino nennt, hat nichts mehr mit meinem Diätgetränk zu tun. Zum Glück bin ich fertig und kann mich auf mein Zimmer zur Vorbereitung auf den Tag zurückziehen. Heute muss ich den Ablauf ändern: die Menge an Frühstück erfordert eine erste Kurzsiesta zur Unterstützung der Verdauung. Vielleicht werde ich- wenn ich nicht ausgiebig radle - aufgrund des Frühstücks zu dick, vieleicht kann ich auch von mir auf die ganze Nation schließen, und wir haben ein nationales Problem? Zuhause werde ich wieder die italienische Frühstücksdiät starten., aber bis dahin sind noch 600 km.


Danach starte ich mit den Vorbereitungen: Einpacken, Umziehen, Einschmieren usw.


Es ist schon eine feine Sache, sein Rad im Zimmer stehen zu haben. Man kann die von Öl triefende Kette mit Klopapier abtrocknen, das versandete Schutzblech im Waschbecken abspülen und sich bei den schmutzigen Verrichtungen seine Finger anständig säubern.


Ich fahre die Küstenstraße am See nordwärts

und sehe, dass auch da deutsche Sitten im Verkehr Einzug gehalten haben, was das Überholen, Abstandhalten und Vorfahrtnachsicht betrifft. Jedes zweite Kennzeichen ist ein deutsches - ich sehe Kennzeichen aus allen Oberpfälzer Landkreisen außer Tirschenreuth. Gefühlt ist ganz Bayern hier. Auch kommen am Sonntag vormittag Horden von Rennradlern vorbei oder überholen mich - der übliche Gruß bleibt aus - Sittenverfall. Ich empfinde die Küste des Gardasees auch als eine sehr schöne, jedoch in eine für mich nicht italienische Kultur eingebettete nach den Erlebnissen der letzten Wochen. Als ich in einer Bar einen Cafè auf italienisch bestelle, fragt der Bedienende zweimal nach, ob ich den wirklich einen Espresso wolle - strano.

Vielleicht gehört der Gardasee so wie Mallorca als Teil der deutschen Identität und Sehnsucht dazu, mir waren sie bis dato unbekannt und ich tue mir schwer, dem jetzt was abzugewinnen.


Nach drei Stunden Bummel-, Meditier- und Schaugängen bin ich in Torbole und der wohlgeordneten, eingedeutschten Mittelstandstraumrealität Italiens angekommen und biege Richtung Rovereto ab.


Die alte Straße führt steil hinauf nach Nago, dort finde ich mich in der Trentiner Bergwelt wieder. Die Flugameisen kreuzen meine Bahnen in den Weinbergen.


Aufgrund des Megafrühstücks stellt sich heute kein Hungergefühl ein.

Kurz vor Rovereto feiert eine Gemeinde eine Art Erntedankfest.

Sie ziehen mit alten Gewändern durch den Ort.


Da denke ich, kann ich zumindest einen Snack zu mir nehmen, doch den muss man in alter Lira bezahlen. Die Standbeteiber überzeugen mich, den Umtausch in etwa 100 Meter entfernt zu tun. Somit kann ich ihr selbst gebautes Bier mit einer Art Gröstl veköstigen.


Nach kurzer Zeit komme ich im Etschtal an, der Wind kommt von hinten und ich komme voran durch Weinfelder und Apfelplantagen - die Flugameisen belästigen mich stärker weiter.


Da ich in Trient den Weg nicht zurück zum Hauptradlweg finde, glaube ich dummerweise der Navi und lass mir 200 Höhenmeter zusätzlich aufdrücken 20 km vor dem Ziel. Ich wollte doch mal vor sechs Uhr abends ankommen, doch kommt irgendetwas immer dazwischen. Der Wirt erwartet mich schon. Salurn ist auf der Sprachgenze.


Ich lass mir auf Italienisch die Modalitäten erklären und freue mich über Sauna und Schwimmbad, das ich zu der Zeit als einziger Gast benutzen kann. Die (deutschen) Gäste zieht es zum Abendessen, ich tauche erst kurz vor Schluss als letzter mit meiner angenommenen italienischen Angewohnheit auf. Wieder im deutschen Sprachgebiet fehlt die obligatorische Wäscheleine zum Zimmer: ich behelfe mich mit einem Trockenturm am Balkon.

Es gibt gute Südtiroler Kost: Spinatknödel, Schweinemedalions, und ein Kuchenrolle mit Holundercreme zum Abschlusscafè.


Fazit für heute :


114 km, 801 Höhenmeter


Wieder im deutschsprachigen Gebiet angekommen im geschätzten Südtirol- ich muss mich an meine deutsche Identität wieder gewöhnen.


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