Belvedere - Ascea - Tag 37
- tzeitler

- 18. Sept. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Sept. 2022
Laut Alfons bewege ich mich heute am schönsten Küstenabschnitt Italiens. Demetrio wird einwenden, das sei doch
wohl San Benedetto del Tronto, ich hab ja noch die Amalfitana und die Cinque Terre vor mir. Es kommt wahrscheinlich auf den Blickwinkel an und ob man sich aus statischer Position( Landschaft, Ferienhaus) heraus oder durch die Bewegung( Schwimmen, Radeln, Tauchen ...) dies definiert. Natürlich gilt auch der Lokalpatriotismus: Daheim ist es immer am schönsten 😉.
Im Agriturismo gestern ließ ich nichts aus: Antipasto, Primo, Secondo.
Wurst und Käse aus eigener Herstellung. Fleisch- und Wurstwaren vom Suine Nero, Nudeln mit Kürbisblüten und dann natürlich das Schwein als Hauptgang. Zum Schluß brachte mir der Chef einen selbstgemachten Schnapps.
Auf dem Bauernhof haben sie fast alles, nur keine Kühe mehr: Gänse, Enten, Kaninchen, Hühner, Truthahn, Jungbullen, Ziegen , Schweine, usw.
Der Garten ist reich bestückt, die Signora macht alles mögliche an Aufstrichen und Marmeladen. Oft kommen auch europäische Studenten, die eine Zeit mitarbeiten.
Am Morgen geht's dort los runter zur Küste und weiter Richtung Norden.
Gleich nach der Auffahrt auf die SS 18 überholt mich ein aufgefahrener älterer Herr; wir quatschen kurz, wo es hingeht, wir wollen beide an der Küste Richtung Norden. Er müsse noch einen Spezl im nächsten Ort an der Bar abholen und ob ich mitkommen wolle. Ich willige ein, nur ist an der Bar der Spezl nicht da. OK, er sei woanders im Ort. Ich warte bei einem Cafè. Eine Viertelstunde später taucht Franco wieder auf ohne den Spezl, der sei nicht auffindbar.

Also los geht's. Franco ist mit seinem 7,5 Tausend € teurem E-bike die Locomotiva italiana electrica. Bei Gegenwind und einer Durchschnittsgeschwindigleit von 25 km/h ist das eine gute Gelegenheit, die Landschaft zu bestaunen mit einem erfahrenen Guide.
Er begleitet mich bis Prai a Mare.
Für ihn ist die Küste dort nicht nur die schönste Italiens, sondern der ganzen Welt.
Caro Demetrio, forse devi allentanarti un po nel ciclismo. Ti offrerebbe una nuova perspectiva!
Was schön ist wählt der Einzelne aus seiner Perspektive aus. Ich komme nicht umhin, immer wieder die Perspektive des Radfahrers jedem ans Herz zu legen. Sie fächert die Erfahrung von Schmerz bis zu höchstem Genuß auf. Die volle Spreizung auf der Gefühlsebene, die sich beim Radeln eröffnet ist einzigartig: vom verzweifeltem Schmerz bist zur tiefsten Erfüllung.
"Das mit dem Schmerz kann ich auch", wird mein Zahnarzt Jürgen einwerfen; nur ist dieser nicht selbst gewählt wie z. B. bei einer Wurzelbehandlung.
Der Knackpunkt liegt in der Steuerung durch den Radfahrer. Vielleicht könnte sich eine neue Zahntherapie im pedalierenden Behandlungsstuhl bei Selbststeuerung des Schmerzes erfinden. @ Michael, als angehender Psychologe wäre das nichts für eine Masterarbeit?
Genug philosophiert. Wenden wir uns der angeblich schönsten Küste der Welt zu.
Diese Küste hat mir heute eine Nachtfahrt eingebracht, da ich immer wieder stehen bleiben musste, um zu fotografieren und zu verschnaufen. Man möchte nicht glauben, wieviele Höhenmeter dabei zu überwinden sind.
Am härtesten trafen mich die 1000 hm ab 4, mit denen ich nicht gerechnet hatte und von einem Bug im Routingtool ausgegangen war, wobei es sich keineswegs um einen Solchen handelte. Aber wie immer in tiefster Not, tauchte in der Anstiegshitze ein Brunnen auf.
Der letzte Teil der Küstenstraße war dann nur noch abenteuerlich, was mich mit Licht und Warnweste um 20:00 ins 4*- Hotel Porta Rossa ins Ziel brachte.
Beim Abendessen
lernte ich, dass es in dem Ort Ascea bereits eine Porta Rossa und bedeutende Ausgrabungen gibt - ich hatte solche mit Paestum für morgen angepeilt.
Fazit für heute:
143 km, 1879 hm
Manchmal ist die Geschichte einfach da.









































Traumhaft schön ist die Landschaft dort. Das entschädigt für die ganzen Strapazen. Genieße es weiterhin in der vollen Bandbreite der Gefühle